1997 und 2009 habe ich Peru bereist. Der folgende Bericht beschreibt meine Reise zum Tambopata-Reservat 1997.

Explorer´s Inn, Tambopata Naturreservat

Fünf Tage im Regenwald

 

Bereits am Flughafen von Puerto Maldonado wird uns Reisenden aus Cuzco deutlich bewusst, dass wir uns, obwohl nur fünfundzwanzig Flugminuten von der berühmten Andenstadt entfernt, nun in einer völlig anderen Klimazone befinden. Die Luft ist heiß und feucht, die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel, der Schweiß beginnt in Strömen zu laufen. Der Ausflug in das Innere des peruanischen Amazonasbeckens steht unmittelbar bevor.

Nachdem die neunköpfige Reisegruppe per Kleinbus zum verschlafenen Hafen am Rio Tambopata gebracht worden ist, wo letzte Kleinigkeiten eingekauft werden können, geht es per Holzkahn sechzig Kilometer weiter den Fluss hinauf.

„Explorer´s Inn, das Ziel unserer kleinen Expedition, liegt eigentlich vier Stunden flussaufwärts“, erklärt uns Amie, unsere Reiseleiterin. „Da unser Boot jedoch einen sehr starken Motor hat, schaffen wir die Strecke in zweieinhalb.“

Amie kommt aus den USA und ist, wie die anderen Tour-Guides auch, Biologie-Studentin, die ihren dreimonatigen Forschungsaufenthalt im Dschungel durch fachkundige Führungen finanziert. Während sie uns nebst Lunchpaketen und Erfrischungsgetränken erste Insiderinformationen über unseren bevorstehenden Aufenthalt im Regenwald gibt, wird der Urwald zu beiden Seiten des Flusses immer dichter. Gemächlich dahin tuckernden Booten Einheimischer begegnen wir immer seltener und die Palmwedel gedeckten Hütten an den Ufern tauchen nur noch vereinzelt auf. Kaimane sehen wir noch nicht. Diese Tiere sind Nachtjäger, wie Amie erläutert. Tagsüber halten sie sich in kühlen Höhlen oder den Bambusgebieten auf. Das atemberaubende Erlebnis, sie aus nächster Nähe betrachten zu können, steht uns allen erst noch bevor.

Explorer´s Inn liegt etwa sechzig Kilometer flussaufwärts von Puerto Maldonado an der Stelle, wo der Rio La Torre in den Rio Tambopata mündet. Ursprünglich als Ausgangspunkt für Safaris und Jäger gedacht, erfüllt es heute praktisch den gegenteiligen Zweck: Forschungszentrum für Biologen und Dschungelunterkunft für Öko-Tourismus. Letzterer leistet auf verblüffend einfache Art einen ganz praktischen Beitrag zum Tierschutz: die Einheimischen erkennen, dass sich durch die Schätze der Natur auch Geld verdienen lässt, wenn man sie lediglich den Touristen zeigt – man muss sie ihnen nicht verkaufen!

Nach einer kurzen Begrüßung durch Roberto, den derzeitigen Manager, und dem Beziehen der ´Apartements´ (einfach eingerichtete typische Pfahlbauten aus Holz mit Palmendach, Dusche und Moskitonetzen) findet gleich die erste Führung durch den Regenwald statt. Wer allerdings erwartet hatte, nun in jedem Baum eine angriffslustige Schlange, hinter jeder Biegung einen lauernden Jaguar und alle paar Meter eine Horde Affen zu erblicken, der wird enttäuscht sein.

„Die Tiere sind zwar da“, erläutert unser Tour-Guide, „doch bemerken sie euch und verschwinden lange bevor ihr auch nur eine Chance habt, sie zu entdecken.“

Am Hafen von Puerto Maldonado

Grundvoraussetzung, um im Dschungel Tiere beobachten zu können, ist deshalb, absolut leise zu sein und aufmerksam auf die Geräusche der Umgebung zu achten.

Doch selbst der Tour-Guide bemerkt den Leguan nicht, der knapp über seinem Kopf bewegungslos in gerade dem Baum sitzt, über den er uns in diesem Moment etwas erzählt. Das Erspähen dieser urzeitlichen Echse verdankt die kleine Truppe den unermüdlichen Augen des zehnjährigen Kevin, des jüngsten Expeditionsteilnehmers, der zusammen mit seiner Mutter die Abenteuerreise seines Lebens unternimmt.

Der erste Rundgang endet am ´Sunset Point´, einem Aussichtspunkt am Ufer des Tambopata, nicht weit von der Lodge entfernt. Hier können, wie dem Namen leicht zu entnehmen ist, wunderschöne Sonnenuntergänge genossen werden.

Wer sich nicht mit seiner Taschenlampe ausgerüstet hat, sollte sich jetzt beeilen, um die etwa zehn Minuten Fußweg bis zur Unterkunft noch vor Anbruch der Dunkelheit zurückzulegen. Die Dämmerung in den Tropen ist sehr kurz, die Nacht im Regenwald ausgesprochen dunkel, und es wimmelt von Bäumen mit widerlich stacheligen Stämmen. Außerdem verstärken die ohnehin ständig präsenten Moskitos ihre Angriffstruppen. Lange Kleidung ist daher angebracht, ein Mückenabwehrmittel empfehlenswert.

Perfekt getarnter Leguan in einem Baum

Der Höhepunkt des Tages ist der allabendlich um 18.30 Uhr stattfindende sogenannte Kaiman-Trip. Zunächst findet eine kurze Einführung über Kaimane statt. Wir erfahren, während wir Fotos und Originalschädel dieser Tiere bewundern können, u.a., dass sie ausschließlich in Südamerika vorkommen und, im Gegensatz zu ihren nahen Verwandten, den Krokodilen, erwachsenen Menschen (angeblich) nicht gefährlich werden sollen. Es ist sogar gefahrlos möglich, in Flüssen zu baden, in denen Kaimane leben, was jedoch nur wenige Expeditionsteilnehmer auszuprobieren bereit sind. Im Anschluss an den Vortrag hat, wer möchte und wagemutig genug ist, Gelegenheit, ausgewachsene Kaimane (sie werden bis zu sechs Meter lang) aus nächster Nähe zu sehen. Mit einem starken Scheinwerfer ausgerüstet, fährt man zu diesem Zweck per Boot den Tambopata hinauf. Der Tour-Guide sucht mithilfe des Scheinwerfers die Ufer ab. Kaimane werden leicht ausgemacht, da ihre Augen, werden sie angestrahlt, unverwechselbar orange leuchten. Oft ist es sogar möglich, so nahe heranzukommen, dass man die furchteinflößenden Reptilien mit Blitz fotografieren kann. Sie lassen sich weder durch das Licht noch durch das gleichmäßige Tuckern des Bootsmotors stören. Hören sie jedoch menschliche Stimmen, dann verschwinden sie sofort ins schützende Wasser – eine Folge jahrelanger unangenehmer Erfahrungen mit Jägern, die es auf ihr Leder abgesehen haben.

Boot auf dem Rio Tambopata

Das Abendessen, wie auch alle anderen Mahlzeiten, wird in dem Gebäude eingenommen, in dem sich neben dem Speisesaal auch die Küche und die Bar befinden. Hier gibt es die einzigen elektrischen Lampen im Camp. Als umweltfreundliche Energiequelle werden Solarzellen verwendet. Zur Beleuchtung der Wege zwischen den einzelnen Pfahlbauten dienen mit Kerosin gefüllte und mit Dochten ausgestattete Blechbüchsen, in den Apartments werden Kerzen benutzt.

Die erste Nacht im Dschungel ist ein Erlebnis für sich. Während die Sterne extrem hell leuchten und der Mond die Landschaft in ein unheimliches Schattenreich voll unbekannter Kreaturen verwandelt, gibt ein millionenstarkes Heer von Insekten ein ununterbrochenes Zirpkonzert. Die Luft ist ungewohnt heiß und feucht, an Schlaf ist kaum zu denken, zumal die eigene Phantasie ständig durch fremde Geräusche zu recht irrationalen Kapriolen angeregt wird. Gedanken wie ´sind die Türen und Fenster auch wirklich so abgedichtet, dass keine Schlange durchkommt´ oder ´hoffentlich hält meine Tür auch dem Angriff eines Jaguars stand´ schleichen sich ein. Man ist versucht, lieber alles mehrfach zu kontrollieren, bevor man sich, endlich beruhigt und überzeugt davon, dass alles nur Hirngespinste waren, in den wohlverdienten Schlaf sinken lässt.

Als ich am dritten Tag meines Aufenthaltes im ´Explorer´s Inn´ miterlebe, wie David, ein Berufsfotograf aus Kalifornien, der im Auftrag eines Magazins vier Wochen lang im Camp arbeitet, eine Schlange in seiner Dusche findet, sind solche Sorgen vergessen. Ich beneide ihn nur ob seines unverschämten Glücks, ein solch lohnenswertes Fotomotiv gewissermaßen frei Haus geliefert zu bekommen. Schließlich war ich zwei ganze Tage lang erfolglos im Dschungel auf Schlangensuche gewesen. Immerhin hat David, nachdem er das Reptil mithilfe eines Mülleimers in die Mitte des Fußballplatzes umquartiert hat, nichts dagegen, dass auch ich es fotografiere.

Die Schlange aus der Dusche, Blattschneiderameisen bei der Arbeit

Am zweiten Tag im Camp ist Frühaufstehen angesagt. Es findet eine Führung zur fünfeinhalb Kilometer entfernten Laguna Cocococha statt. Da viele Tiere, insbesondere Vögel, vornehmlich in den frühen Morgenstunden zu sehen sind, wird im Morgengrauen aufgebrochen. Die kleine Gruppe möchte frühzeitig am See ankommen, um dort Wasservögel beobachten zu können, bevor diese sich in den Schatten des Waldes zurückziehen. Unterwegs gibt es jedoch schon so viel zu sehen, dass die Wanderung wesentlich länger dauert als geplant. Wir erspähen sogar einige Affen, verschiedene exotische Vögel und mehrere Leguane, ganz abgesehen von den unzähligen Schmetterlingen, die einem buchstäblich an jeder Ecke vor die Nase flattern. Um sie zu fotografieren, sind die meisten Exemplare jedoch entweder zu weit entfernt oder zu flink. Mindestens ebenso interessant wie die Fauna des Dschungels ist jedoch seine mannigfaltige Flora. Alle paar Meter hält Amie an, um etwas über einen Baum oder Strauch zu erzählen, an dem wir gerade vorbeikommen. Recht kuriose Vertreter ihrer Gattung sind etwa die Pona-Palmen, die dicht aneinandergereihte Stelzwurzeln haben, die eine pyramidenförmige Basis bilden. Dem Sonnenlicht folgend, bringen es diese Bäume tatsächlich fertig, sich im Laufe der Jahre fortzubewegen. Sie lassen auf einer Seite ihre Wurzeln verdorren und bilden auf der gegenüberliegenden neue aus. Manche Eingeborene behaupten, eine Pona-Palme könne sich etwa zwei Meter weit in einem Jahr bewegen. Realistisch sind immerhin ein paar Zentimeter.

Andere Bäume beeindrucken schon durch ihre immense Größe. Es gibt Urwaldriesen, deren Stämme tatsächlich den Umfang eines kleinen Hauses erreichen. Wir Menschen sehen daneben recht winzig aus.

Der Fotograf vor einem Baumriesen

Die wahren Herren des Regenwaldes sind aber die Ameisen. Sie gehören zusammen mit den Termiten zu den am häufigsten vorkommenden Insekten. Auf einem einzigen Baum können bis zu sechzig verschiedene Ameisenarten leben, so viele, wie in ganz Deutschland vorkommen. Die auffälligsten ihrer Gattung sind die Blattschneiderameisen, die Blattstücke wie Segel über ihren Köpfen balancieren können. Unermüdlich sind tausende von ihnen damit beschäftigt, ein Stück Blatt nach dem anderen in ihren Bau zu transportieren.

Endlich bei der Laguna Cocococha angekommen, geht der Ausflug per Kanu weiter. Trotz der fortgeschrittenen Stunde können noch ein paar Vögel beobachtet werden, bevor Amie das Boot an einer speziell zu diesem Zweck in der Mitte des Sees befestigten Stange vertäut und die Anwesenden zu einem erfrischenden Bad auffordert. Nicht alle nutzen diese günstige Gelegenheit, sich abzukühlen. Vielleicht hätte Amie ihre kleine Anekdote lieber für später aufheben sollen: „Einmal wollte ich gerade ins Wasser gehen, als ich etwas Großes, Braunes dicht am Kanu vorbei schwimmen sah“, hatte sie uns kurz zuvor aufmunternd erzählt. „Ich dachte zuerst, es wäre ein Kaiman, erkannte aber bald, dass es sich um eine ausgewachsene Anakonda handelte. An dem Tag bin ich nicht schwimmen gegangen.“ Im Anschluss an diese letzten Worte war sie mit einem eleganten Kopfsprung ins kühle Nass eingetaucht. Selbst der sonst sehr unerschrockene Kevin folgt ihr nur zögernd. In seinem Fall hat dies jedoch weniger mit Angst vor wilden Tieren zu tun. Er schämt sich vielmehr, sich der Gruppe in Unterwäsche zeigen zu müssen. Badezeug hat nämlich niemand mitgebracht. Nebenbei bemerkt, ist es nicht ratsam, unbekleidet zu baden. Gefährlich für den Menschen sind nämlich weder Kaimane noch Piranhas, aber ein winziger Fisch namens Candiru. Der hat die unangenehme Angewohnheit, in Körperöffnungen zu kriechen und sich dort festzuhaken. Um ihn wieder zu entfernen, braucht man einen Chirurgen.

Am frühen Nachmittag kommen wir wieder im Camp an. Die meisten von uns hat die vorausgegangene Wanderung so ermüdet, dass der restliche Nachmittag zur Erholung im Liegestuhl genutzt wird. Andere nehmen die Gelegenheit wahr, noch einmal allein in der Nähe der Lodge auf Pirsch zu gehen, bevor sie am nächsten Morgen um sieben die Rückfahrt antreten werden. Mir persönlich sind glücklicherweise zwei weitere Tage im Dschungel vergönnt, an denen ich seine Wunder und Geheimnisse noch ausgiebig und in Ruhe genießen werde.

Explorer´s Inn ist ganzjährig geöffnet. Es ist jedoch empfehlenswert, nicht gerade in der Regenzeit (Dezember bis April) zu kommen. Dann regnet es nämlich fast ununterbrochen und sämtliche Wanderwege verwandeln sich in Schlammlöcher.

Das insgesamt ca. dreißig kilometer umfassende Wegenetz des Tambopata Reservats ist sehr sorgfältig angelegt, gewissenhaft ausgeschildert und es gibt Landkarten, auf denen sämtliche Pfade verzeichnet sind. Sich zu verlaufen ist daher sehr unwahrscheinlich, allein die faszinierende Tier- und Pflanzenwelt zu erkunden, gefahrlos möglich. Wer vorhat, Tiere möglichst aus nächster Nähe zu beobachten und vielleicht zu fotografieren, sollte diese Gelegenheit auf jeden Fall nutzen.

Das Reservat liegt am südwestlichen Rand des Amazonasbeckens. Obwohl es mit seinen gerade mal 55 Quadratkilometern nur einen Bruchteil des insgesamt 275.000 Quadratkilometer großen peruanischen Regenwaldes ausmacht, ist es, gemessen an seiner Größe, eines der artenreichsten Gebiete der Welt. Hier gibt es 587 Vogel-, 1230 Schmetterlings- und an die 90 Säugetierarten, ganz zu schweigen von den Tausenden verschiedener Insektenarten, die größtenteils noch nicht einmal bestimmt sind. Auch die Vielfalt der Flora ist nicht weniger beeindruckend. So wurden auf einem hundert Quadratmeter kleinen Gebiet über 150 Baumarten gezählt. Verständlich, dass die Hauptstadt des Departments Madre de Dios, Puerto Maldonado, als ´biologische Hauptstadt der Welt´ gilt.

Luftaufnahme des Rio Tambopata
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© Siegfried Kuttig