Dieser Reisebericht entstand 1997 kurz nach ´Fünf Tage im Regenwald´. Der Aufenthalt im Tambopata-Naturreservat hatte mich so faszieniert, dass ich kurzerhand beschloss, noch einmal ein paar Tage direkt am Amazonas bei Iquitos zu verbringen. Kurzerhand habe ich ein Flugzeug genommen und kam wenig später, völlig unvorbereitet und ohne irgend etwas gebucht zu haben, in Iquitos an.

Der Fotograf bei Yagua-Inidanern

Unter Boas, Piranhas und Indianern

 

Der Andenstaat Peru ist hierzulande berühmt durch seine zahlreichen Kulturdenkmäler aus der Zeit der Inkas, wie etwa Machu Picchu. Weniger bekannt ist, dass das peruanische Amazonasbecken mit 275.000 Quadratkilometern drei Fünftel dieses südamerikanischen Landes einnimmt. Der größte Strom der Welt hat hier, im Department Loreto, sogar seinen Ursprung. Nicht weit von Iquitos, der Hauptstadt Loretos, entsteht der Amazonas durch die Vereinigung des Rio Maranon mit dem Rio Ucayali.

Mit glasierten Kacheln verkleidetes Haus in Iquitos

Zu Zeiten des Kautschuk-Booms war Iquitos eine der wichtigsten Gummimetropolen der Welt. Spuren des früheren Glanzes sieht man auch heute noch. Einige Häuser sind mit glasierten Kacheln verkleidet, die auf dem Höhepunkt des Gummibooms aus Italien und Portugal importiert wurden. An der Plaza de Armas steht ein gänzlich aus Eisenträgern und -platten bestehendes Haus, das von Gustav Eiffel anlässlich der Pariser Weltausstellung von 1898 entworfen wurde. Es soll von einem einheimischen Gummibaron in die Stadt gebracht worden sein.

Von Gustav Eiffel entworfenes Haus in Iquitos

Iquitos ist auch heute noch nicht an das peruanische Straßennetz angeschlossen und nur per Flugzeug oder Boot zu erreichen. Nicht zuletzt deshalb gibt es ganz in der Nähe der Stadt noch einige Gebiete fast unberührten Regenwaldes. Da es von Reisebüros, die spezielle Urwald-Trips anbieten, nur so wimmelt, ist es nicht schwer, etwas Passendes für die eigenen Bedürfnisse und den Geldbeutel zu finden.

„Explornapo … liegt 140 Kilometer von Iquitos entfernt am Napo-Fluss und ist einer der besten Orte in dieser Gegend, um wilde Tiere zu beobachten“, empfiehlt mein Reiseführer (APA Guides, Peru). Da bereits am Flughafen von Iquitos ein Mitarbeiter des betreffenden Unternehmens zu finden ist, bitte ich, ansonsten gänzlich unvorbereitet, kurzerhand um Informationen. Ich solle mich doch einfach der Gruppe anschließen und mit zum Büro fahren. Dort könne man mich am besten beraten, wird mir freundlich angeboten. Gesagt, getan – eine halbe Stunde später sitze ich dem äußerst zuvorkommenden Manager des Reiseunternehmens gegenüber.

Sonnenuntergang über dem Amazonas

Wo denn meine Reisebegleiter seien, fragt er mich zunächst.

„Ich reise alleine“, antworte ich und halte das eigentlich nicht für ungewöhnlich.

„Das ist sehr ungewöhnlich“, meint er, um gleich darauf zu ergänzen: „Andererseits, bei Deutschen nicht unbedingt.“

Zwei Nächte in Explornapo würde ich gerne buchen, was das denn koste, erkundige ich mich daraufhin.

„750 Dollar“.

Nachdem ich mich vom ersten Schock erholt habe, frage ich zaghaft, ob vielleicht Deutsche Mark akzeptiert würden.

„Die können Sie hier nicht einmal in einer Bank wechseln“, wird mir freundlich erklärt.

„Gibt es eine billigere Alternative?“, frage ich hoffnungsvoll.

„Ja, Explorama Lodge. Dort kosten zwei Nächte nur 260 Dollar.“

Da dies mein Dollar-Budget so ziemlich erschöpfen würde und ich schließlich noch einige Tage in Peru überleben muss, erbitte ich mir Bedenkzeit. Es ist Sonntag und bereits nach 18 Uhr. Obwohl ich wenig Hoffnung habe, kurzfristig noch ein Reisebüro zu finden, das meinem Geldbeutel eher entsprechen würde, mache ich mich auf die Suche.

Und siehe da: ´Cumaceba Lodge & Expeditions´ ist tatsächlich noch geöffnet. Zwei Nächte hier kosten lediglich 120 Dollar, das Programm ist vergleichbar. Ich brauche nicht lange zu überlegen. Am folgenden Morgen um 10 geht es los.

Der ´Boa-Mann´ mit einem Faultier

´Cumaceba Lodge´ ist ein aus mehreren typischen Palmwedel gedeckten Pfahlbauten bestehendes Dschungel-Hotel, etwa 40 Kilometer flussabwärts von Iquitos gelegen. Der Transfer dorthin erfolgt per Schnellboot und dauert lediglich eine Dreiviertelstunde. Während der Fahrt gibt der Reiseleiter erste Insider-Informationen über das bevorstehende Abenteuer. Nach einem Orientierungsmarsch am Nachmittag der Ankunft steht am zweiten Tag Piranha-Angeln auf dem Programm. Im Anschluss daran ist ein Besuch beim sogenannten ´Boa-Mann´ geplant, einem Einheimischen, der einen kleinen Privatzoo mit diversen Reptilien und anderen Tieren besitzt. Den krönenden Abschluss wird ein Besuch im Dorf der Yagua-Indianer am dritten und letzten Tag meines Dschungel-Aufenthaltes bilden.

George mit dem gefangenen Raubfisch

"Ich heiße übrigens George“, stellt sich mein Reiseleiter mir vor. „Ich bin im Dschungel aufgewachsen. Meine Mutter ist Yagua-Indianerin, mein Vater Brasilianer.“ Er spricht mehrere Sprachen, u.a. fließend Englisch.

George trägt ein Taschentuch als Sonnenschutz, weil er mir seine Mütze überlassen hat. Meine war mir nämlich gleich nach der Abfahrt mit dem Schnellboot vom Kopf geweht worden.

Der Raubfisch auf nebenstehendem Foto springt in selbstmörderischer Absicht so plötzlich und unerwartet ins Boot, dass ich ihm nur durch ein reflexhaftes Zur-Seite-Zucken ausweichen kann. George freut sich über das unerwartete Mittagessen und nimmt ihn mit in die Lodge.

Seine Verbundenheit mit dem Regenwald ist ihm deutlich anzumerken:

„In dem Baum dort hinten schläft ein Leguan“, bemerkt er mehrmals quasi im Vorbeigehen. Ich brauche regelmäßig eine Weile, um den richtigen Baum zu finden und weitere fünf Minuten, bis ich das regungslose, perfekt getarnte Tier meinerseits entdecke. Die beiden Giftschlangen, auf die George mich aufmerksam macht, hätte ich entweder gar nicht bemerkt, oder erst nachdem ich drauf getreten wäre. Da ich glücklicherweise zur Zeit der einzige Gast in der Lodge bin, komme ich recht häufig in den Genuss, auf solche Geheimnisse des Urwalds hingewiesen zu werden.

geangelter Piranha

Selber Piranhas zu angeln, ist ein faszinierendes Erlebnis und denkbar simpel. George fängt innerhalb von Minuten einen kleinen Fisch, der, in Stücke geschnitten, als Köder dient. Die Piranhas beißen praktisch sofort an. Schwierig ist nur, sie ins Boot zu bekommen. Meistens fallen sie wieder vom Haken. Schließlich gelingt es meinem Reiseleiter dennoch und das Mittagessen ist gesichert. „Übrigens kann man hier sogar baden“, bemerkt er so nebenbei. „Piranhas beißen nur, wenn sie Blut wittern.“ Ich glaube ihm ohne das Verlangen zu spüren, es auszuprobieren.

Der ´Boa-Mann´ mit einem seiner Söhne

Der Boa-Mann ist bei unserer Ankunft gerade dabei, mit einem seiner Söhne den Fluss hinunter zu paddeln. Uns bemerkend, kommen die beiden jedoch sofort zurück. Mit einem permanenten kundenfreundlichen Lächeln auf den Lippen holt er gleich mehrere Schlangen, einen Leguan, einen Baby-Kaiman und einiges Getier mehr herbei. Das Angebot, mir auch einmal eine Boa umzuhängen, lehne ich dankend ab. Schließlich will ich fotografieren und mich nicht unnötig belasten. Stattdessen schlage ich den etwa zwölfjährigen Sohn als Schlangenträger vor. Der Arme bricht unter der offensichtlich nicht geringen Last jedoch fast zusammen, weshalb ich mich mit einigen wenigen Aufnahmen zufrieden gebe.

Diese Boa ist gar nicht so leicht ...

Während der Kleinzoobesitzer mit uns Besuchern beschäftigt ist, nutzt der Leguan die günstige Gelegenheit zur Flucht ins benachbarte Feld. Sein ´Herrchen´ hechtet zwar sofort hinterher, kommt jedoch nur mit dem zuckenden Schwanz in der Hand zurück.

„Leguane können im Augenblick der Gefahr ihren Schwanz abwerfen, der dann durch sein Zucken den Feind ablenken soll“, erklärt mir George. Eine Taktik, die in diesem Fall offensichtlich erfolgreich war.

Kaiman-Baby, das gefährlich wirken möchte

Sehr interessant ist auch der Ausflug zu den Yagua-Indianern. Zwar lugt bei einem Jungen unter dem Baströckchen die Turnhose hervor und die ´Kriegsbemalung´ des Häuptlings ist offensichtlich hastig zu Ehren meines Besuches aufgetragen worden (als wir uns dem Indianerdorf näherten, hatte George auffällig laut zu Pfeifen angefangen, um mir anschließend noch einmal den Amazonas zu zeigen, an dem wir eine Stunde entlanggewandert waren). Aber sie sind immerhin ´echte´ Indianer, die vor gar nicht langer Zeit tatsächlich noch so ausgesehen haben. Heute verdienen sie sich ihren Lebensunterhalt allerdings durch Touristen-Belustigung und den Verkauf von billigem Schmuck. Sie pflegen Kontakt zu den Siedlern, die in der Gegend wohnen, und die Kinder gehen im nächsten Dorf zur Schule. Trotz alledem ist es sehr beeindruckend, als der Häuptling sein zwei Meter langes Blasrohr vorführt. Er trifft damit problemlos genau ins Schwarze und könnte sicher mit dem geeigneten Gift auch große Tiere erlegen.

Yagua-Indianerjungen spielen auf einem Baumriesen

Zum Abendessen in der Lodge bekomme ich ein leckeres Reisgericht. Der Nachtisch, zwei große Scheiben Ananas, wird gleichzeitig mit der Hauptmahlzeit serviert. Während ich das Reisgericht genieße, versammeln sich nach und nach immer mehr unterschiedlichste Insekten auf den Ananasscheiben. Schließlich ist vor lauter Insektenkörpern kaum noch Ananas zu sehen. Als George mich fragt, ob ich denn meinen Nachtisch nicht wolle, verneine ich dankend. Daraufhin isst er ihn genüsslich auf, die Insekten dabei völlig ignorierend. Viele von ihnen schaffen die Flucht nicht …

 

Drei Tage sind viel zu kurz, um mehr als einen flüchtigen Eindruck von den Geheimnissen und Schätzen des Regenwaldes zu bekommen. Aber sie reichen aus, die Neugierde auf mehr zu wecken.

Der ´Boa-Mann´ mit einem Baby-Kaimann
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© Siegfried Kuttig