Dieser Text entstand ebenfalls durch Erlebnisse in Harare während der ersten Tage meiner Afrika-Reise. Er beschreibt die in ´Simbabwe - meine ersten Eindrücke´ erwähnte Selbsthilfegruppe mit Straßenkindern. Auch er ist im Jahr 2000 entstanden.

Dangwe Arts

„Mein Vater arbeitete für die Ian-Smith-Regierung. 1980, als ich gerade geboren worden war, kamen meine Mutter und er durch ein politisches Bombenattentat ums Leben. Ich habe dann sechs oder sieben Jahre bei den Eltern meiner Mutter gelebt, bis auch diese starben. Ein Onkel, der mich daraufhin zu sich nahm, gab mir kein bisschen Liebe, sondern benutzte mich wie einen Sklaven. Mit 13 bin ich weggelaufen und habe dann auf der Straße gelebt.“

Freedom Mlalazi ist heute zwanzig Jahre alt und lebt in Simbabwes Hauptstadt Harare. Er hat sein Leben in den Griff bekommen und leitet nun, zusammen mit einigen Freunden, eine Hilfsorganisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, verlassene, hilflose Kinder zu unterstützen, wie er selbst einst eins war.

„Als Straßenkind habe ich Klebstoff geschnüffelt, Essen geklaut und sehr viel Zeit auf der Polizeiwache verbracht. Ich war totunglücklich und habe viel geweint. Das ging bis 1996. Dann änderte sich mein Leben von Grund auf.“

Damals nahm Freedom an einem von der Kirche organisierten Zeltlager teil. Dort lernte er eine Gruppe britischer Missionare kennen, die sein Leben in den folgenden zwei Jahren begleiteten und einschneidend veränderten. Sie brachten ihm bei, mit einfachen Mitteln wunderschöne Kunstgegenstände herzustellen, die anschließend verkauft werden konnten.

„Ich habe mir zum Ziel gesetzt, Kindern Hoffnung für die Zukunft zu geben“, sagt er in sehr gutem Englisch und fügt bedauernd hinzu: „Leider sind die professionellen Hilfsorganisationen hierzulande oft korrupt. Deshalb sind wir auf uns allein gestellt.“

´Wir´ - das sind außer Freedom Mlalazi seine Freunde Duncan Nkuwasenga und Clive Edwards sowie einige andere, die, allesamt mit ähnlichen Lebenserfahrungen wie Freedom, Kindern bessere Lebensperspektiven ermöglichen wollen. Zu diesem Zweck haben sie das Selbsthilfeprojekt ´Dangwe Arts´ ins Leben gerufen. Mit Geduld, einem ausgeprägten sozialen Gewissen und sehr viel Sachverstand bringen sie nun von Verwahrlosung bedrohten Kindern bei, aus Draht, Stoff, Pappe, Farbe und sogar Flaschenverschlüssen Kunstwerke herzustellen, die sich verkaufen lassen – ihre einzige Einnahmequelle. Staatliche Hilfen gibt es in Simbabwe nicht und die großen Hilfsorganisationen behalten sehr oft den Löwenanteil für sich alleine.

Clive Edwards bei der Arbeit an einem Draht-Kunstwerk

Duncan Nkuwasenga (22), der Projekt-Koordinator, lebte von 1985 bis 1996 auf der Straße. Dann lernte er Freedom auf dem erwähnten Zeltlager kennen.

„Ich habe durch milde Gaben von der Kirche, Betteln, Essensreste aus Abfalleimern und Stehlen überlebt. Das Leben war hart für mich“, sagt er mit melancholischem Unterton, fügt aber sofort optimistisch hinzu: „Mein Ziel ist es, verzweifelten und verwaisten jungen Menschen Hoffnung und eine Zukunft in diesem Land zu geben.“

Waisen gibt es mittlerweile in Afrika einige Millionen. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung sind mit HIV infiziert. Alleine in Kenia haben schon jetzt eine Million Kinder ihre Eltern durch diese Krankheit verloren – in zwei Jahren sollen es bereits 2,5 Millionen sein! In Simbabwe werden voraussichtlich mehr als die Hälfte der heute 15-Jährigen durch das Virus sterben!

Der Vater von Michael (7) und Charles (10) Lobo ist vor einiger Zeit verstorben. Die Mutter lebt nun vom Betteln, kann ihre Kinder jedoch auf diese Weise nicht versorgen. Dass auch Michael und Charles auf der Straße enden – das versucht ´Dangwe Arts´ zu verhindern.

Auch um die Geschwister Primrose (6) und Privilege (12) Chaitiki kümmern sich die Projekt-Mitarbeiter. Die beiden haben ihren Vater im letzten Jahr, ihre Mutter erst vor Kurzem verloren. Gäbe es ´Dangwe Arts´ nicht, so stünde den Geschwistern mit großer Wahrscheinlichkeit eine Karriere als Straßenkinder bevor. Dank des Selbsthilfeprojektes können sie in einer Pflegefamilie leben, die von ´Dangwe Arts´ bezahlt wird. Sie verbringen jeden Nachmittag im Workshop und essen oft auch dort. Wählerisch sein können sie jedoch nicht, denn im Moment ist das Essen knapp. ´Dangwe Arts´ leidet, wie viele andere Organisationen in Simbabwe auch, momentan indirekt unter den im Land herrschenden Unruhen: die Touristen, Hauptabnehmer der Kunstgegenstände, bleiben aus!

Dieses existenzielle Problem anzugehen, ist die Aufgabe von Clive Edwards (24). Clive ist so etwas wie der Public-Relations-Spezialist des Projekts. Er hat eine Internet-Adresse eingerichtet und ist ständig auf der Suche nach Sponsoren.

„Ich versuche, unsere Arbeit der Öffentlichkeit näher zu bringen und dadurch Abnehmer für unsere Produkte zu gewinnen. Nur so können wir langfristig das Überleben unseres Projekts und damit die Versorgung der von uns betreuten Kinder sicherstellen.“

Mädchen mit Pferd aus Draht
Junge mit Giraffen-Poster

´Dangwe Arts´ existiert im Jahr 2019 tatsächlich noch: Hier gibt es mehr Infos.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Siegfried Kuttig