Besuch bei meinem Patenkind

Affenbrotbaum

Eigentlich hatte ich es mir einfacher vorgestellt. Jonas, mein Patenkind, lebte in der Nähe von Arusha, hatte es geheißen. Erst durch genaueres Nachfragen wurde mir jedoch bewusst, dass ´in der Nähe´ in Tansania 600 Kilometer bedeutet, dass ein Großteil davon über Sandpisten zurückzulegen sein würde und das das Netz öffentlicher Verkehrsmittel in diesem afrikanischen Land nicht ganz dem mir bekannten Standard entspricht. Aber ich hatte mir nun mal in den Kopf gesetzt, Jonas zu besuchen – koste es was es wolle!

Fischer bei Dar es-Salaam

Schließlich hatte ich eine dreiwöchige Überlandsafari nicht zuletzt deswegen ausgewählt, weil sie mich auch durch Arusha bringen würde. Den Besuch bei Jonas zu organisieren, wäre somit ein Klacks, dachte ich. Schon während der Anfangsphase meiner Planung musste ich jedoch einsehen, dass es sich um einen recht komplizierten Klacks handelte. Die Informationen über meine Safari waren so spärlich, dass es im Vorfeld gar nicht möglich war, den Besuch zu planen. Also nahm ich mir vor, in Absprache mit der sehr hilfsbereiten Mitarbeiterin des World Vision Büros in Deutschland, die ganze Sache kurzfristig vor Ort zu organisieren.

Die Überlandsafari führte mich von Victoria Falls in Simbabwe per Safari Truck bis nach Nairobi, insgesamt etwa 5000 Kilometer. Es stellte sich schnell heraus, dass ein Abstecher nach Nyabubinza, dem Dorf in der Nähe von Shinyanga, in dem Jonas mit seiner Familie lebte, am ehesten von Dar es-Salaam aus möglich sein würde. Dort hatte ich sechs Tage Aufenthalt – Zeit genug, um nach Nyabubinza zu fahren.

Palmen bei Dar es Salaam

Von Malawi aus, einem Nachbarland Tansanias, versuchte ich erstmals, das World Vision Büro in Shinyanga telefonisch zu erreichen. Da es in ganz Afrika weniger Telefone gibt, als in Manhattan, gestaltete es sich allerdings schon als recht schwierig, überhaupt ein öffentliches Telefon zu finden. Zudem musste dieses Telefon auch Ferngespräch tauglich sein – ein Komfort, den die üblichen Münzfernsprecher in Afrika aufgrund des geringen Wertes des Hartgeldes nicht bieten. Infrage kam also nur ein Kartentelefon. Auf der Post in Malawis Hauptstadt, Lilongwe, gab es leider keine Telefonkarten. Man schickte mich zu einem anderen Laden. Dort wurde mir gesagt, es herrsche zur Zeit eine Telefonkarten-Knappheit im ganzen Land, ich würde wohl nirgendwo eine bekommen. Schließlich gelang es mir doch, und nach einigem Suchen in mehreren Städten hatte ich auch Erfolg damit, eine auslands-tüchtige Telefonzelle aufzutreiben. Die Verbindung war zwar nicht gut, auf beiden Seiten mussten mehrmals Rückfragen gestellt werden, doch schließlich konnte ich absprechen, dass ein Flug von Dar es-Salaam nach Shinyanga für mich gebucht werden würde. Dort würde mich eine Mitarbeiterin abholen. Zurück würde ich per Zug fahren, denn ich wollte ja auch etwas vom Land sehen. Am folgenden Montag sollte ich mich wieder melden, um nachzufragen, ob die Buchungen bestätigt worden waren. Da am Montag beim besten Willen kein funktionierendes Telefon aufzutreiben war, meldete ich mich am Dienstag. Die Buchungen waren bestätigt worden. Am darauffolgenden Donnerstag flog ich nach Shinyanga.

Flughafen von Shinyanga

Am dortigen Flughafen wurde ich von Louisa, einer Mitarbeiterin von World Vision, und Leonhard, dem Fahrer, abgeholt. Von hier aus waren noch etwa neunzig Kilometer über Sandpiste im Land Cruiser zurückzulegen. „Leg´ lieber deinen Gurt an“, empfahl mir Louisa. Dann betete sie für eine sichere Fahrt. Wenig später brausten wir mit bis zu 110 Kilometern pro Stunde über Sandpisten in Richtung Nyabubinza.

Patenkinder tanzen

Der Besuch an sich gestaltete sich ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich war sehr positiv überrascht. Man empfing mich wie einen ausländischen Staatsmann. In den paar Tagen seit meiner Anmeldung war ein feierliches Begrüßungsprogramm auf die Beine gestellt worden. So führte eine Gruppe von Patenkindern eine Kombination von Gesang, Tanz und Rollenspiel auf. Ich verstand natürlich nichts, doch wurde mir erklärt, dass es um die Mängel traditioneller Mädchenerziehung ging. Später erklärte mir Wilson, der Projektkoordinator, dass diese Form der Darstellung der beste Weg sei, den Einheimischen Missstände bewusst zu machen.

Jonas (neben mir) mit seiner Familie

Jonas war zunächst sehr schüchtern. Offensichtlich fühlte er sich in seiner Haut und wohl auch in seiner Feiertagskleidung nicht wohl. Er wusste augenscheinlich gar nicht so recht, was er mit der Situation anfangen sollte. Normalerweise leben außer ihm nur seine Eltern, seine Geschwister, seine Großmutter und ein Onkel auf dem kleinen Gehöft. Die nächsten Nachbarn wohnen ein paar Kilometer entfernt.

Andrang aus Anlass meines Besuches

Aus Anlass meines Besuches waren aber bestimmt fünfzig Menschen dort versammelt, von denen ich sicherlich nicht der einzige war, den Jonas noch nie gesehen hatte. Ich war aber wahrscheinlich der erste Weiße, der ihm je zu Gesicht gekommen war – und noch dazu in ziemlich verwildertem Zustand (mangels Elektrizität hatte ich mich zwei Wochen lang nicht rasiert, dementsprechend struppig sah mein Vollbart aus).

Wilson, der Project Coordinator, begrüßt die Gäste

Leider konnte ich wegen der Sprachbarriere nicht direkt mit ihm reden, sondern war auf einen Dolmetscher angewiesen. Auch mit seiner Familie konnte ich mich nur per Übersetzer verständigen. Außerdem wurde ich durch das Festprogramm ziemlich in Anspruch genommen. Trotzdem tauten im Laufe der ca. eineinhalb Stunden, die ich auf dem Gehöft verbrachte, alle merklich auf. Beim Überreichen der Geschenke (ich hatte für alle Familienmitglieder etwas dabei) war mir meine Rührung wohl deutlich anzumerken. Die Freude, die ich mit diesen kleinen Gaben bereitete, war einfach überwältigend.

Frau mit Baby in Tansania

Obwohl ich mir im Vorfeld gewünscht hatte, länger bei der Familie bleiben zu können, vielleicht sogar über Nacht, fuhr ich nach etwa eineinhalb Stunden mit dem Gefühl ab, dass die Zeit gereicht hatte. Ein längerer Besuch hätte wahrscheinlich das normale Leben im Dorf viel zu sehr durcheinandergebracht.

Sisal-Plantage in Tansania

Während des anschließenden Lunches im örtlichen Büro (sehr lecker von Wilsons Ehefrau zubereitet) erhielt ich noch einige sehr interessante Informationen über die Arbeit von World Vision vor Ort. So erfuhr ich zunächst, dass es einen tieferen Sinn hat, den Besuch eines Paten zu einem offiziellen Ereignis zu machen. So wird nämlich den Leuten der Sinn und Zweck der Patenschaften deutlicher. Sie bekommen ein genaueres Bild davon, wo die Unterstützung für ihr Gemeinwesen eigentlich herkommt, und ihre Bereitschaft, freiwillig mitzuarbeiten, steigt. Sinn eines Projektes, das i.d.R. für etwa fünfzehn Jahre geplant wird, ist es nämlich, die Menschen in die Lage zu versetzen, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. So werden, etwa beim Bau von Schulen, von World Vision nur lokal nicht zu beschaffende Materialien finanziert. Den Rest, auch die notwendige Arbeitskraft, muss die Community selbst leisten. Zu diesem Zweck gibt es zweimal in der Woche Arbeitseinsätze, die von ehrenamtlichen Mitarbeitern organisiert werden. Das Geld, das wir Paten monatlich spenden, kommt nicht nur dem Patenkind selbst zugute, sondern wird für Gemeindearbeit verwendet – ein Ansatz, den ich persönlich sehr begrüße. Ich kann mir vorstellen, dass es zu sehr viel Neid und Eifersucht in der Gemeinde führen würde, wenn nur die jeweiligen Patenkinder von den Spenden profitieren würden. Weiterhin als sehr positiv empfand ich, dass ausschließlich Einheimische als Mitarbeiter beschäftigt werden. Auf diese Weise tragen unsere Spenden auch zur Beschaffung von Arbeitsplätzen im Land bei.

Offizielle Fahrrad-Übergabe

Überrascht hat mich die Tatsache, dass ich in den sechs oder sieben Jahren, die das Projekt besteht, erst der vierte Besucher war. Es wundert mich, dass so wenige Paten die vergleichsweise geringen Strapazen auf sich nehmen, ihr Patenkind einmal persönlich zu sehen und sich selbst ein Bild von der Arbeit vor Ort zu machen.

Als ich schon glaubte, das Tagesprogramm wäre beendet, fragte Wilson mich, ob ich etwas dagegen hätte, ein paar Fahrräder offiziell zu übergeben. Letztere waren gespendet worden und sollten nun den örtlichen Health Workers offiziell übergeben werden. Wäre ich nicht zufällig zu Besuch, hätte man einen Politiker aus der nächsten Stadt bitten müssen …

So hielt ich zum krönenden Abschluss noch eine schnell improvisierte Rede, überreichte einige Fahrräder und lächelte, einen offiziellen Händedruck austauschend, nach altbekannter Politiker-Manier in eine Kamera.

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© Siegfried Kuttig