Im Serengeti Nationalpark

Serengeti, die endlose Ebene

Weshalb die Serengeti, auf deutsch ´die endlose Ebene´, diesen Namen trägt, ist nicht schwer zu erraten. 14.763 Quadratkilometer umfasst das Gebiet des Serengeti Nationalparks, der damit fast so groß ist wie Schleswig-Holstein – Savannenlandschaft, aufgelockert durch vereinzelte Akazienbäume, so weit das Auge reicht.

Steppenzebras im Ngorongoro Krater

„Und dabei ist diese Wildnis gar nicht einmal dünn bevölkert. Ihre Einwohner können sich an Kopfzahl beinahe mit europäischen Staaten messen: über eine Million sollen dort leben, steht in Büchern und Prospekten geschrieben. Allerdings nicht Menschen, sondern Vierbeiner ...“, schreibt Bernhard Grzimek bereits 1959 in seinem berühmt gewordenen Buch ´Serengeti darf nicht sterben´.

fliegender Kronenkranich im Ngorongoro Krater

Fast vier Stunden sind wir mit dem Land Cruiser von Arusha aus unterwegs gewesen, bis wir endlich die Grenzen des Nationalparks erreichen. Mehr als zwei Wochen hatte ich dieser dreitägigen Safari entgegengefiebert, die als zusätzliches Angebot unserer dreiwöchigen Überlandsafari von Victoria Falls bis Nairobi angeboten wurde. Eigentlich wartete ich ja schon seit etwa fünfundzwanzig Jahren auf die Gelegenheit, die Serengeti einmal selbst sehen und erleben zu können; seit dem Zeitpunkt nämlich, als ich zum ersten Mal Professor Grzimeks ergreifenden Film gesehen hatte.

Massai-Krieger in seinem Dorf im Ngorongoro Krater

„Die Ngorongoro Conservation Area mit dem gleichnamigen Krater ist heute ein eigenständiges Naturschutzgebiet. Sie gehört nicht mehr zum Serengeti Nationalpark dazu“, erklärt uns Goody, unser einheimischer Fahrer, während er uns gekonnt über die unbefestigte Straße zum Kraterrand chauffiert. Der Grund für diese Aufteilung liegt darin, dass die Regierung Tansanias einen Kompromiss zwischen den Interessen der Massai und denen der Tiere finden musste. Die stolzen Massai ließen sich nicht wie andere Eingeborenenstämme sesshaft machen. Andererseits hielt man es auch für durchaus möglich, dass Mensch und Tier friedlich zusammenleben würden.

Massai-Frauen mit Kindern

Die Massai sind nämlich keine Jäger. Sie leben von der Viehhaltung, schlachten aber i.d.R. nicht einmal ihre eigenen Tiere. Stattdessen lassen sie ihr Vieh regelmäßig zur Ader und ernähren sich hauptsächlich von einer Mischung aus Blut und Milch. Allerdings ziehen sie als Nomaden ständig dem Wasser folgend zu neuen Weidegründen. Dies hätte in der Serengeti weitaus mehr Störungen verursacht, als im Ngorongoro Krater. In letzterem leben nämlich das ganze Jahr über etwa gleich viele Tiere und es gibt ständig Wasser, während die Serengeti durch regelmäßige Tierwanderungen gekennzeichnet ist.

Flamingos und Fusspferde im Ngorongoro Krater

„Die Serengeti ist der letzte Fleck in Afrika, wo es noch Riesenherden gibt, die über die Steppen stampfen wie einst das Meer der Bisons über die Graswellen der Prärien Nordamerikas“, schrieb Grzimek bereits vor einundvierzig Jahren. Den ´größten Zoo der Welt´ nannte der Direktor des Frankfurter Zoos damals den Krater. Der Grund für diese Bezeichnung liegt auf der Hand.

Gedenkstein für Bernhard Grzimek

Der eingefallene Vulkankegel bildet mit seinen nebelverhangenen Kraterwänden ein zehn mal sechzehn Kilometer umfassendes Areal, das von außen nur schwer zugänglich ist. Mit etwas Glück können Teilnehmer einer Safari hier an einem einzigen Tag alle sogenannten ´Big Five´ sehen: Nashorn, Büffel, Löwe, Leopard und Elefant, wobei letzterer jedoch nur selten im Krater, aber umso häufiger in der Serengeti anzutreffen ist.

Bevor wir in den Vulkankegel hinunterfahren, bitte ich, der einzige deutsche Safari-Teilnehmer, um einen kurzen Halt bei dem pyramidenförmigen Gedenkstein, der neben dem Grab seines Sohnes an Professor Grzimek erinnert. Seine Asche wurde 1987 über dem Ngorongoro Krater verstreut. Mich überkommt ein Anflug von Trauer – dieser Mann hat durch seine einfühlsamen Tiersendungen meine Kindheit und Jugend nicht unerheblich mit geprägt.

Löwin mit ihrer Beute im Ngorongoro Krater

Dann öffnet sich das überwältigende Panorama des Kraters vor unseren ungeduldigen Augen. Während der Land Cruiser sich die kurvenreiche Sandpiste zum Grund des Kraters hinunter kämpft, können wir die Tiere mehr und mehr unterscheiden. Als Kaffernbüffel, Gnus und Zebras entpuppt sich, was vom Kraterrand aus lediglich als kleine Punkte erkennbar war. Am Fuße des Kraters angekommen, wird ein viertelstündlicher Fotostopp eingelegt, bevor die eigentliche, mehrere Stunden dauernde Safari durch den Krater beginnt. Im Laufe des Nachmittags sehen wir Flusspferde, tausende Flamingos, unzählige Antilopen, eine Löwin, die sich neben ihrer gerade geschlagenen Beute ausruht, und noch viele andere Tiere. Bereits dieser erste Tag der Safari ist äußerst lohnenswert.

Massai-Kinder in ihrem Dorf im Ngorongoro Krater

Zwischendurch unterhält uns Goody immer wieder mit interessanten Informationen über Mensch und Tier. „Löwen greifen weder die Massai noch ihre Herden an“, erfahren wir. „Es hat sich im Lauf von vielen Generationen unter ihnen ´herumgesprochen´, dass ein Löwe, der sich an einem Massai oder dessen Vieh vergreift, unweigerlich wenig später getötet wird. Vielleicht tragen die stolzen Eingeborenen nicht zuletzt deshalb traditionellerweise rote Stoffe. So sind sie leicht von Angehörigen anderer Stämme zu unterscheiden. Ein anderer Grund mag darin liegen, dass rote Stoffe auf staubiger rötlicher Erde leichter sauber zu halten sind, als andersfarbige. Heute ist es auch den Massai verboten, Löwen zu erlegen. Ob sich auch diese neuen Rahmenbedingungen unter den Löwen ´herumsprechen´ werden?

Panorama-Fenster der Ngorongoro Wildlife Lodge

Kurz vor Sonnenuntergang, in diesen Breiten schon um kurz nach 18 Uhr, machen wir uns auf den Weg zur Ngorongoro Wildlife Lodge, unserem Quartier für die Nacht. Eigentlich war diese Safari mit zwei Übernachtungen in Zelten geplant. Aufgrund der Tatsache, dass die Lodges gerade wenig ausgelastet sind, haben wir jedoch das Angebot bekommen, für nur fünf Dollar zusätzlich pro Nacht in zwei Lodges zu Abend zu essen und zu übernachten. Ein äußerst lohnendes Angebot, denn die Lodge bietet nicht nur den Komfort eines Luxushotels; sie ist außerdem an einer derartig günstigen Stelle in den Kraterrand hineingebaut, dass man den gesamten Krater überblicken und von der hoteleigenen Aussichtsterrasse wunderschöne Sonnenaufgänge genießen kann.

Olduvai-Schlucht

Nach dem Frühstück geht es am nächsten Tag weiter in Richtung Serengeti. Unterwegs wird ein kurzer Stopp bei der Olduvai-Schlucht eingelegt, jener berühmten Ausgrabungsstätte, wo neben anderen weltgeschichtlich bedeutsamen Funden 1979 von Mary Leakey 3,6 Millionen Jahre alte Fußspuren von Hominiden entdeckt wurden. Leider können alle diese Funde nur in Form von Fotos bzw. Ausstellungsstücken in einem Museum bewundert werden. Das Gelände selbst ist nicht zugänglich.

Massai-Jungen mit Initiations-Bemalung

An der nächsten Weggabelung entdecken wir einige schwarz gekleidete Gestalten mit weiß bemalten Gesichtern. Diese auf den ersten Blick etwas bedrohlich wirkenden Kreaturen entpuppen sich schnell als Massai-Jungen, die ihre traditionelle Initiations-Bemalung aufgetragen haben.

„Jeder Massai-Junge musste früher als Initiationsritus sowohl seine Beschneidung über sich ergehen lassen, als auch einen Löwen töten“, erklärt uns Goody. Dann fängt er an, mit den jungen Kriegern zu verhandeln.

Massai-Junge

Dürfen sie heutzutage per Gesetz auch keine Löwen mehr erlegen, so haben sie stattdessen herausgefunden, dass sich ihre Sitten und Gebräuche gewinnbringend vermarkten lassen. Für ein paar Fotos verlangen sie 1500 Schilling Honorar (ca. DM 5,-), das sie sofort in einem Plastikbeutel verstauen, der bereits viele weitere Geldscheine enthält. Dann fangen sie unaufgefordert an, auf traditionelle Weise zu springen – etwas, was wohl sonst häufig von ihnen verlangt wird. Da sie kein englisch sprechen, habe ich Mühe ihnen klar zu machen, dass sie ruhig stehen bleiben sollen, damit meine Aufnahmen nicht verwackeln.

Dreifarbenglanzstar

„Was ist dein Lieblingstier?“, fragt mich Tracey, eine Mitreisende unserer Überlandsafari recht unvermittelt. „Ich habe keins“, antworte ich, während ich im oben geöffneten Land Cruiser stehend voller Anspannung Ausschau nach wilden Tieren halte. In diesem Moment wird mir bewusst, wie unterschiedlich die Motive von uns Safari-Teilnehmern eigentlich sind.

Elefanten im Serengeti Nationalpark

Während ich diese Afrika-Reise hauptsächlich deswegen gebucht habe, um Tiere in freier Wildbahn zu sehen und möglichst gute Aufnahmen von ihnen zu machen, lebt Tracey schon seit einigen Monaten in Kenia. Sie arbeitet für eine Entwicklungshilfe-Organisation und hat schon sehr viel von Land, Leuten und auch Tieren erlebt.

Siedleragame im Serengeti Nationalpark

Jetzt lässt sie sich gerade recht gelangweilt von Goody zum nächsten Tier fahren. Sie vertraut darauf, dass er ihr schon alles sehenswerte zeigen wird und langweilt sich offensichtlich zwischendurch. Als ich kurz darauf auch noch nach meiner Lieblingsfarbe gefragt werde, reagiere ich recht unwirsch. Ich erkläre ihr, dass ich nicht 250 Dollar für diese Safari bezahlt habe, um mich über meine Lieblingsfarbe zu unterhalten – und ärgere mich sofort darauf über meine Ungeduld. Immerhin kann ich mich von nun an voll auf die Umgebung konzentrieren.

Elefant mit Jugem im Serengeti Nationalpark

An diesem Tage sehen wir viele Elefanten mit Jungen und sogar einen Geparden. Auch eine ganze Gruppe Löwen finden wir und können sogar direkt neben ihnen anhalten. Dummerweise springt ausgerechnet hier der Wagen nicht mehr an!

Löwen im Serengeti Nationalpark

„No problem“, mein Goddy, der offenbar recht viel Erfahrung mit solchen Situationen hat. Er klettert über seine Beifahrerin, die daraufhin auf den Fahrersitz rutscht. Unter dem Beifahrersitz befindet sich nämlich die Batterie. Goody kratzt ein wenig an den recht vergammelten Kontakten herum und der Motor springt wieder an. Obwohl man sich Löwen sogar mit geöffneten Fenstern oder offenem Verdeck nähern kann, ohne dass sie angreifen, wäre es höchst gefährlich gewesen, auszusteigen.

Seronera Lodge im Serengeti Nationalpark

Diese Nacht verbringen wir in der Seronera Lodge, die sehr geschickt in eine der vielen Kopjes (abgeschliffene Granitberge) inmitten der Serengeti hineingebaut ist. Hier hat man die einmalige Gelegenheit, von der Terrasse der Bar aus den Sonnenuntergang zu genießen und sich gleichzeitig bewirten zu lassen.

Gepard mit geschlagener Gazelle im Serengeti Nationalpark

Am nächsten Morgen, kurz vor unserer Abreise nach Arusha, hört Goody über Funk, dass ein Gepard mit Jungen in der Nähe gesichtet wurde. Sämtliche Safari-Fahrzeuge sind über Funk verbunden, so dass sich das Sichten sehenswerter Tiere sehr schnell herumspricht – praktisch für uns Touristen, eher nervig für die Tiere! Der erwähnte Gepard sieht sich innerhalb von fünf Minuten von mindestens fünf Fahrzeugen umringt. Anstatt nun geduldig darauf zu warten, dass er sich und seine Jungen vielleicht noch besser zeigen würde, konkurrieren die Fahrer geradezu darum (vielleicht in der Hoffnung auf ein möglichst hohes Trinkgeld), noch näher an das Tier heranzukommen.

Gepard im Serengeti Nationalpark

Schließlich wird es dem Raubtier, das kurz zuvor eine Gazelle geschlagen hat, mit der es nun wohl seine Jungen füttern wollte, zu bunt. Es lässt die Beute liegen und verschwindet. Seine Jungen hat der Gepard irgendwo im hohen Gras versteckt. Wir bekommen sie gar nicht zu Gesicht. Leider wird unsere Zeit nun knapp, und wir müssen aufbrechen, da bis Arusha noch fünf bis sechs Stunden Fahrt vor uns liegen.

Massai-Krieger führen traditionelle Sprünge vor

Unterwegs wird noch ein Massai-Dorf besichtigt. Für fünf Dollar Eintritt führen die Bewohner uns traditionelle Tänze vor, präsentieren ihre Hütten und erlauben uns soviel zu fotografieren, wie wir wollen. Natürlich verkaufen sie auch Souvenirs. Obwohl ich mich dafür überhaupt nicht interessiere, kaufe ich etwas – nur zu fotografieren erscheint mir doch etwas unverfroren.

Giraffen bei Sonnenuntergang im Serengeti Nationalpark

Wenn ich auch gerne länger geblieben wäre – es hätte noch unendlich viel zu sehen gegeben -, so hat sich dieser Ausflug in die Serengeti für mich doch ausgesprochen gelohnt. Und wer weiß, vielleicht schaffe ich es ja, eines Tages noch einmal dorthin zu fahren. Es lohnt sich bestimmt auch ein zweites Mal.

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© Siegfried Kuttig