Victoriafälle - Nairobi im Overland Truck

Victoriafälle

´Mosi oa Tunya´ oder ´donnernder Rauch´ nennen die Einheimischen das Naturschauspiel, hierzulande unter dem Namen ´Victoriafälle´ bekannt. Wer einmal dort war, der erkennt sofort, wie treffend diese Bezeichnung ist. Auf eineinhalb Kilometer Breite donnert der Sambesi mit bis zu 550 Millionen Litern pro Minute in eine Tiefe von über hundert Metern. Dabei wird von den Wassermassen eine riesige weiße Nebelwolke aufgewirbelt, die Fluggäste bereits bei der Landung auf dem ca. zwanzig Kilometer entfernten Flughafen erkennen können.

Mittagspause neben dem Lastwagen

Nahezu überwältigt von diesen ersten Eindrücken auf dem afrikanischen Kontinent, bricht unsere neunzehnköpfige Reisegruppe am fünften Juni 2000 in Richtung Nairobi auf. Fortbewegungsmittel ist ein zum Safari Truck umgebauter Mercedes Lastwagen mit zwar recht bequemen Sitzen, aber offenen Seiten. ´Kein Problem, in Afrika´, zu dieser Ansicht könnte man neigen. Doch wer in dieser Gegend 5000 Kilometer in solch einem Gefährt zurücklegt, weiß sehr bald, wie kalt es dort werden kann!

Zentrum von Harare

Obwohl ich erst seit dem zweiten Juni auf diesem Kontinent bin, habe ich schon Einiges erlebt. Bereits die Einreise nach Simbabwe war sehr spannend. Da ich als Grund für meinen Aufenthalt ´Business´ angegeben hatte, musste ich mir die Einreise erst in der Einwanderungsbehörde in Harare offiziell genehmigen lassen. Am Flughafen bekam ich nur ein Visum für einen Tag.

Einer von sehr wenigen weißen Menschen in der ganzen Stadt zu sein, war ein bisher unbekanntes Gefühl, an das ich mich erst gewöhnen musste. Von den Unruhen in Simbabwe bemerkte ich allerdings nur insofern etwas, als ich, da einer von sehr wenigen Touristen, ständig von Andenkenverkäufern umringt war, die natürlich ihre liebe Mühe hatten, Käufer zu finden. Drei dieser Leute lernte ich sogar näher kennen. Sie leiten ein Selbsthilfeprojekt mit Straßenkindern, ´Dangwe Arts´, das sie durch den Verkauf selbstgefertigter Andenken finanzieren. Sie luden mich ein, ihren Workshop zu besichtigen.

Krokodil im Zoo von Victoria Falls

Nach diesen ersten Eindrücken kultureller Art brenne ich nun darauf, auch Afrikas Tierwelt hautnah zu erleben. Ich frage Chris, den Fahrer unseres Trucks, ob man vom Lastwagen aus viele Tiere sehen könne. „Überhaupt keine“, antwortet er trocken. „Die haben die Einwohner schon längst alle aufgegessen.“ Tatsächlich gibt es wilde Tiere in Afrika fast nur noch in den Nationalparks. Tausende afrikanischer Kinder haben noch nie in ihrem Leben eine Giraffe oder einen Elefanten gesehen. Spätestens jetzt wird einigen Safari-Teilnehmern klar, warum es so viele Bücher an Bord des Trucks gibt.

Landstraße in Sambia

„Die ersten beiden Tage werden wir sehr lange unterwegs sein“, erklärt uns Sharon, unsere Reiseleiterin, gleich bei der Abfahrt. „Sambia ist recht uninteressant. Da fahren wir möglichst schnell durch, damit wir dann mehr Zeit am Malawisee verbringen können.“ Sharon ist Mitte dreißig, Australierin und von Beruf Park Ranger. Seit etwa einem Jahr arbeitet sie als Reiseleiterin in Afrika. Obwohl sie schon Malaria hatte, möchte sie nicht in ihre Heimat zurück. „Africa is so much more interesting“, schwärmt sie.

Dorf in Sambia

Auch Chris, der Fahrer, kommt aus Australien. Er lebt jedoch schon seit sechzehn Jahren in Afrika und würde um keinen Preis der Welt zurückgehen, obwohl sogar sein kleiner Sohn bereits an Malaria erkrankt ist. Der ´schwarze Kontinent´ übt eine sonderbare Anziehungskraft auf Menschen aus der ´ersten Welt´ aus. „I don´t mind driving“, sagt Chris und selbst nach einer 800-Kilometer Tagestour über afrikanische Straßen ist er immer noch fit.

Jeff, der Koch, ist der einzige Afrikaner im Team und, abgesehen von mir, der einzige Mitfahrer, der nicht aus einem englischsprachigen Land kommt. Seine Fertigkeiten, mit einfachsten Mitteln schmackhafte Mahlzeiten zu zaubern, sind erstaunlich. Kaum am jeweiligen Zeltplatz angekommen, entfacht er ein Kohlenfeuer auf dem Boden, legt ein Rost darüber und fängt an zu kochen. „No problem“, heißt seine Devise.

Kande Beach

Schließlich, nach recht ermüdender Fahrt durch nicht uninteressante aber tierlose Landschaft, wird Kande Beach erreicht, ein wunderschöner Zeltplatz direkt am Strand des Malawisees. „Drei Tage am Strand? Aber wir haben doch eine Safari gebucht!“ Der erste Eindruck vieler Mitreisender wird durch eine Warnung gleich bei der Ankunft nicht unbedingt verbessert. Ein paar Tage zuvor ist eine junge Frau ausgeraubt worden. Der Täter habe auch versucht, sie zu vergewaltigen; glücklicherweise zwar vergeblich, doch sei er noch nicht gefasst worden. Von Wanderungen entlang des Strandes werde daher dringend abgeraten. „Na Toll! Keine Tiere und der Kontakt zu den Menschen fällt auch flach. Super Safari! Zum Strand hätte man ja auch zuhause fahren können.“ Solche oder ähnliche Gedanken machen sich breit. Manchen Mitreisenden fällt es schwer, den wirklich idealen Sandstrand zu genießen. Aber es kommt ganz anders.

Strohhütte in Mbama

„Für sechzig Kwacha (ca. DM 5,-) führe ich Sie eine Stunde lang durch mein Dorf.“ Der junge Mann hat sich zusammen mit anderen Einheimischen früh morgens am Tor des Campingplatzes eingefunden in der Hoffnung, etwas Geld verdienen zu können. Andere bieten Andenken feil oder waschen die Wäsche der Besucher. Ich entschließe mich spontan, sein Angebot anzunehmen.

Andrew Phiri mit einem Fisch aus dem Malawisee

Andrew Phiri ist zwanzig Jahre alt und lebt zusammen mit seiner Mutter, der Großmutter und einer Schwester in Mbama, einem Dorf gleich neben Kande Beach. Er hat bis zu seinem neunzehnten Lebensjahr die Schule besucht und wartet nun, wie seine Schwester auch, auf die Zulassung zum Studium an der Universität von Lilongwe, Malawis Hauptstadt. In der Zwischenzeit verdient er sich manchmal ein wenig Geld durch Führungen durch sein Dorf. Wie er jedoch die 5000 Kwacha Studiengebühren pro Jahr (ca. DM 400,-) aufbringen soll, weiß er noch nicht. Die kleine Farm, die seine Familie in Mbama besitzt, wirft nicht genug ab für ein solches Vorhaben. Auch zusammen mit dem Einkommen seiner Mutter, die in einem Krankenhaus arbeitet, reicht das Geld nicht. „Vielleicht schaffe ich es, die Hälfte davon zusammenzukratzen“, hofft er. „Ich könnte mir vorstellen, ein halbes Jahr zu arbeiten und ein halbes Jahr zu studieren, falls die Uni mir das genehmigt.“

Wasserpumpe in Mbama

Andrew zeigt mir sein Dorf, das bis auf das Haus des ´Chief´ aus strohgedeckten Lehmziegelhütten besteht. Für den Häuptling wird gerade ein neues Haus gebaut, das neben den Hütten fast wie ein Schloss aussieht. Im Dorf gibt es eine brandneue Wasserpumpe, kürzlich von einer dänischen Hilfsorganisation gespendet. Jetzt ist endlich frisches Grundwasser verfügbar. Bis vor Kurzem musste das Seewasser getrunken werden.

Frau stampft Maniok

Ich erfahre, wie das einheimische Grundnahrungsmittel, Maniok, angebaut und verarbeitet wird. Der Stamm der Maniok-Pflanze wird zermahlen, getrocknet und zu Mehl zerstampft. Letzteres erledigen nach wie vor die Frauen des Dorfes, während die Männer der Feldarbeit nachgehen.

Klassenzimmer in Kande

Auch nach Kande gehen wir, etwa eine halbe Stunde zu Fuß von Mbama entfernt. Hier gibt es ein paar kleine Läden, eine Poststelle und die Primary School. Letztere wird von fast tausend Schülern besucht, die von zehn Lehrern unterrichtet werden. Jeweils hundert Schüler drängen sich in einem Klassenraum zusammen, der außer einer Schiefertafel keine weiteren Einrichtungsgegenstände enthält. Trotzdem gehen die Kinder gerne zur Schule. Sie sind froh, lernen zu dürfen und nicht, wie noch ihre Eltern, schon im frühen Kindesalter Kühe, Schafe oder Ziegen hüten zu müssen. „Hier zu unterrichten ist eine anstrengende Arbeit“, gesteht mir ein Lehrer, den wir zufällig treffen. Ich kann ihn gut verstehen. Der Besuch der Primary School (8 Klassen) ist in Malawi kostenlos. Auf den Secondary Schools (6 Klassen) müssen Jungen Gebühren bezahlen, für Mädchen ist es kostenlos.

ausgelassene Frauen bei einem Fußballspiel in Kande

Am Nachmittag findet auf dem Schulgelände ein Fußballspiel statt. Da ich sofort interessiert bin, bietet Andrew sich an, wieder mit mir hinzugehen. Es finden sich noch ein paar andere Interessenten und so wird diese Führung sogar eine lukrative Einnahme, die Andrew vielleicht seinem Studium ein wenig näher bringt. Um den Fußballplatz scheint sich fast die gesamte Bevölkerung der näheren Umgebung versammelt zu haben. Das Ereignis ist offenbar sehr wichtig, viele tragen Festtagskleidung. Eine Gruppe Frauen läuft zwischen zwei Spielen ausgelassen singend mehrmals um den Platz herum. Die Menschen unterhalten sich freudig, lachen, singen. Über dem ganzen Ereignis schwebt eine sehr angenehme, warme Atmosphäre. Würstchenbuden gibt es nicht. Auch keine grölenden Fans mit Bierdosen in den Händen.

Kinder lassen sich gerne Luftballons oder andere Kleingkeiten schenken

„Gimmi pen“ (give me pen – gib mir Stift), sagt des öfteren ein Kind zu mir. Insbesondere, wenn sie fotografiert werden, bitten Kinder gerne um ein ´Honorar´ bestehend aus einem Stift oder einer ähnlichen Kleinigkeit. Ich habe speziell für diesen Zweck vorgesorgt – meine Taschen sind voll mit Luftballons, Murmeln und Bleistiften. An diesem Tag sieht man wahrscheinlich in Kande und Umgebung mehr Kinder mit bunten Luftballons, als in ganz Malawi. Zwei Wochen später, auf Sansibar, wird mir ein Einheimischer davon abraten, Kindern Geschenke zu geben. Dadurch würden sie davon abgehalten, in die Schule zu gehen – ein Aspekt, den ich bis dahin nicht bedacht habe.

Kinder im Einbaum auf dem Malawisee

Am nächsten Morgen fahre ich mit Andrew per Einbaum hinaus zum Fischen. Er hat mich zum Mittagessen eingeladen und möchte selbiges eigenhändig fangen. Leider fischen wir außer einem sehr mickrigen Exemplar gar nichts, doch gibt es ja genug Fischer, die ihren Fang zum Verkauf anbieten. Der Einbaum ist so schmal, dass wir nicht darin sitzen können, sondern die Beine im Wasser baumeln lassen müssen – eine sehr wackelige Angelegenheit. Nicht, dass ich um mein Leben fürchten würde, ich bin ein guter Schwimmer – aber meine Kamera leider nicht. Nach kurzer Zeit habe ich mich jedoch davon überzeugt, dass Andrew uns mit fachmännischem Geschick trocken wieder an Land bringen wird.

Familie beim Mittagessen in Mbama

Das Mittagessen, von Andrews Großmutter zubereitet, nehmen wir auf traditionelle Weise auf dem Boden sitzend im Freien ein. Als Beilage zum Fisch gibt es Maniok und sehr leckeres Gemüse. Sogar eine Suppe wird als Vorspeise serviert. Zu meinem Bedauern (aber wohl so üblich) essen wir Männer alleine. Andrews Schwester serviert, die Großmutter isst woanders, die Mutter arbeitet.

Sonnenaufgang über dem Malawisee

Das Mittagessen, von Andrews Großmutter zubereitet, nehmen wir auf traditionelle Weise auf dem Boden sitzend im Freien ein. Als Beilage zum Fisch gibt es Maniok und sehr leckeres Gemüse. Sogar eine Suppe wird als Vorspeise serviert. Zu meinem Bedauern (aber wohl so üblich) essen wir Männer alleine. Andrews Schwester serviert, die Großmutter isst woanders, die Mutter arbeitet.

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© Siegfried Kuttig